Ein Stück Orient im Okzident


Das Berlin der 1920er Jahre war eines der grössten urbanen Zonen in Europa, und sowohl politisches als auch kulturelles Zentrum der Weimarer Republik. Die Stadt war durch hohe Heterogenität bezüglich der Herkunft seiner Bewohner geprägt, seien es polnische Arbeiter oder ausländische Studenten. Zu dieser Zeit etablierte sich auch erstmals in Deutschland eine muslimische (Missions-)Gemeinde: die Amadiyya-Berlin. Die Arbeit versucht einerseits durch eine Analyse ihrer Zeitschrift darzustellen, wie sich diese Gemeinde als Identität konstituierte, und andererseits durch eine Untersuchung der Berliner Presse, wie diese Gruppierung wahrgenommen wurde.

Im ersten Kapitel wird hierzu kursorisch die Geschichte des Islamdiskurses in Europa bis zum Ende des Ersten Weltkriegs nachgezeichnet, wobei drei Hauptlinien erkennbar werden: Erstens das christlich geprägte Bild des Muslims als «Feind an der Grenze» im Gegensatz zum Juden als Feind im Innern, zweitens ein durch die Rassenlehre im 19. Jahrhundert inspiriertes Bild des Muslims als degenerierter Müssiggänger und edler Kriegernomade und schliesslich formuliert sich mit der Etablierung der Orientalistik als eigene Fachrichtung der Orientalismus, der vorige christlich-rassische Bilder aufnimmt und verwissenschaftlicht. Inwiefern diese drei Diskurslinien aber ein reales Islambild wiedergeben bleibt fraglich, da es sich um Eliten-Diskurse handelt und vieles darauf hinweist, dass dieses negative Bild der Muslime weitaus heterogener gewesen sein könnte. Aufschluss darüber soll schliesslich auch die im Folgenden untersuchte muslimische Gemeinde geben.

Die muslimische Gemeinde im Berlin der 1920er Jahre wird im zweiten Kapitel charakterisiert. Dabei zeigt sich, dass die meisten Berliner Muslime sich im bürgerlichen Milieu Berlins bewegten, und dass es sich meist um Diplomaten, Studenten oder politische Flüchtlinge handelte (v.a. im Fall der Ägypter). Die grösste Gruppierung war die Deutsch-Muslimische Gesellschaft (DMG), die rund 1‘500 Mitglieder umfasste, was in Anbetracht der damals wohl rund 3‘000 Muslime, die in ganz Deutschland lebten, eine stattliche Zahl war. Dies, obwohl auch Nichtmuslime Teil der DMG waren. Eine genauere Untersuchung der Struktur der DMG wäre hier allerdings nötig. Diese Gesellschaft wurde von der Amadiyya-Berlin verwaltet, die es Mitte der 1920er Jahre auch schaffte eine Moschee in Berlin zu bauen und eine (langlebige) Zeitschrift herauszugeben.

Diese Zeitschrift, die Moslemische Revue, wird im dritten Kapitel analysiert, um die These der Bürgerlichkeit der Amadiyya-Berlin zu untermauern, die integral zum Selbstbild nicht nur der Amadiyya-Anhänger gehörte, sondern auch…. Durch eine Untersuchung der Einbettung von Koranzitaten in der Moslemischen Revue wird deutlich, dass diese dazu benutzt wurden, um bürgerliche Ideale zu kolportieren: Selbstständigkeit, Willensfreiheit, Arbeitsethik, Wissenschaftsethos, klassische Bildung. Das Unterstreichen ihrer Bürgerlichkeit findet man ebenfalls auf den in der Zeitschrift abgedruckten Bildern, wobei Portrait-Fotos von Mitgliedern am häufigsten vorkommen. Ausserdem wird das Verhältnis der Gruppierung zum NS-Regime – als bürgerliche Bewegung – angerissen. Die Amadiyya-Berlin verwarf im Gegensatz zu anderen muslimischen Gruppen in Berlin die NS-Ideologie, konnte aber auf Grund ihrer apolitischen Haltung bis zum Kriegsausbruch überleben. Da aber nicht wenige Muslime Deutschland spätestens bei Kriegsausbruch verliessen, übernahmen zuerst vor allem Konvertiten die DMG, bevor sie 1940 endgültig ihre Arbeit einstellte.

Schliesslich wird im dritten Teil exemplarisch versucht, das Bild der deutschen Öffentlichkeit über Muslime in der Zwischenkriegszeit aufzuzeigen. Hierzu wurden vier Berliner Tageszeitungen auf ihre Berichterstattung zu bestimmten muslimischen Ereignissen in Berlin untersucht: die Vossische Zeitung, die Deutsche Allgemeine Zeitung, der Berliner Lokal-Anzeiger, die Berliner Morgenpost. Ausser der Berliner Morgenpost berichteten die ausgewählten Zeitungen regelmässig über muslimische Aktivitäten. Dabei wurden drei Aspekte der Berichterstattung deutlich:
Vor allem in den frühen 1920er Jahren kann man eine gewisse Skepsis gegenüber der aus Britisch-Indien stammenden A
madiyya feststellen, und gerade die rechtskonservative Deutsche Allgemeine Zeitung vermutet in den geplanten Moscheen «englische Kasernen». Mit zunehmender Aufklärung über die Gruppierung und Kohäsion innerhalb der Berliner Muslime verliert sich dieser Aspekt. Jedoch wird die Trennung der Berliner Muslime in zwei Gruppierungen (also die DMG um die Amadiyya-Berlin und die Islamische Gemeinde, die von Ägyptern dominiert war) von der Presse stets wahrgenommen.
Als zweiter Aspekt kann eine ausgesprochen orientophile Berichterstattung konstatiert werden. Dies zeigt sich besonders bei Pressemeldungen zu den muslimischen Feierlichkeiten in Berlin. Es dringt eine von orientalistischen Vorstellungen getragene Bewunderung und Wissbegierde für das Fremde durch, das oft als Bereicherung verstanden wird.
Schliesslich wird im Verlauf der 1930er Jahre ein dritter Aspekt erkennbar. Eingedenk dessen, dass die Berichterstattung über Muslime in Berlin deutlich abnimmt, werden Muslime immer häufiger als Freunde im Kampf gegen innere und äussere Feinde dargestellt, seien es die Westmächte oder der «jüdische Bolschewismus».

Abschliessend lässt sich festhalten, dass die Berliner Muslime in den 1920er Jahren einen hohen Grad an Organisation erreichten, vor allem die Amadiyya-Berlin. Sie war ausserdem eine der wenigen muslimischen Gruppierungen, die ihre Ziele und Zwecke auf Deutschland fokussierte, ganz im Gegensatz etwa zu ägyptischen Gruppen, Parteien und Vereinen. Es handelt sich also nicht nur um eine Rückwirkung des Kolonialismus auf Europa, sondern um den vermeintlichen Beginn eines möglichen Narrativ zu Muslimen in Deutschland, das aber durch den Zweiten Weltkrieg entscheidend unterbrochen wurde und sich deutlich von der muslimischen Arbeitermigration in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterscheidet. Anders steht es mit der Frage, wie diese Episode in den Islamdiskurs in Europa historisch einzuordnen wäre. Aus der Erinnerungskultur Deutschlands sind die Muslime der 1920er Jahre fast gänzlich verschwunden. Eine erweiterte Untersuchung dieses Themas könnte sich deshalb lohnen, weil dadurch Schlüsse auf den Islamdiskurs vor 1945 gewonnen werden könnte, die in der Forschung bisher vernachlässigt wurden. Beispielsweise würden die im Rahmen der Arbeit nur exemplarisch untersuchten Zeitungen eine reiche, fast unerschlossene Basis dafür bieten, wie der Islam oder die Muslime wahrgenommen wurden. Es kann als Schluss deshalb nur die Vermutung angestellt werden, dass der Islamdiskurs nach 1945 und schliesslich auch seine Historisierung mit Verzerrungen geschrieben wurde und wird, und dass eine genauere Untersuchung einer solchen Episode zur eigenen Erinnerungskultur des Verhältnisses von Europa zur islamischen Kultur beitragen könnte.

Bild: Mohammed Taufiq Killenger, Maulvi Sadr-ud-Din und Dr. Khalid Banning: aus: Moslemische Revue, Jahrgang 1, Ausgabe 1; Berlin 1924.