Das postfaktische Zeitalter ist zu Ende!


Mit dem neuen Jahr kann nun endlich auch das postfaktische Zeitalter ad acta gelegt werden. Irgendwann werden wir darüber lachen können, dass wir uns zusammen mit Medien, PolitikerInnen und MeinungsmacherInnen vorgaukelten, dass das Faktische beendet sei. Die Geschichte der Filterbubble erinnert an das Höhlengleichnis: wir, die dummen Menschen, sähen nur noch für uns massgeschneiderte Socialmedia-Seiten, folgten den Schatten des Faktischen, deuteten die Abbilder der echten Welt und lebten letztendlich in einer Lüge. In dieser Blase möge es einer Person gut oder schlecht gehen, der Unterschied zur realen Welt bestehe darin, dass sie in einer (hier: postfaktischen) Lüge lebe.

Und es mag tatsächlich Menschen geben, die glauben: die Erde erwärme sich zurzeit nicht, Chemtrails kontrollieren uns, Putin manipuliere Wahlen, Wahlen manipulieren Putin, Impfungen führen zu weiss ich was nicht allem, Zauberinnen können wirklich zaubern und die unsägliche Hillary Clinton sei der Antichrist. Für sie mag dies eine Wahrheit bilden, ein postfaktisches Zeitalter ist dies noch lange nicht. Denn das alleinige negieren von Fakten ist noch kein Gegenbeweis. Empirisch erlangtes Wissen ist reproduzierbar und belegbar und hat die Welt in den letzten Jahrhunderten massiv verändert. Alles andere kann zwar von einer Person oder Gruppe als Wahrheit wahrgenommen werden, bleibt aber letztendlich eine nicht verifizierbare Meinung, die ohne wissenschaftliche Konsequenz bleibt.

Alle Macht der Rektorenkonferenz?

Dass die Idee des Postfaktischen 2016 so viel Niederschlag im Politischen gefunden hat, mag aus der Sicht der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts problematisch sein, es ist jedoch kein neues Phänomen. Schliesslich ist die Demokratie ein Wettstreit der Ideen (hier: Deutungsmuster von Fakten) und nicht der Fakten selbst – sonst könnten wir den Bundesrat durch die Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten ersetzen. Bis jetzt haben aber solche technokratischen Expertenregierungen (wie zum Beispiel in Italien die Regierung Monti) auch nicht nur glücklich agiert. Denn wesentlich ist in einer Demokratie auch, dass sich die Personen vertreten fühlen, also Authentizität. Ansonsten suchen sie sich neue Orte der Bestätigung und finden diese am ehesten bei den GauklerInnen bzw. DemagogInnen.

Deshalb müsste der Vorsatz aller Parteien lauten: Kompromisse finden ja, aber zu seinen Werten stehen (≠ beharren). Grüne sollen grüne Politik machen, SozialdemokratInnen sozialdemokratische, Liberale liberale, Bürgerliche bürgerliche, Rechte rechte. Als zum Beispiel die Schröders und Clintons die Bankenwelt deregulierten und so weiter, half das vielleicht kurzfristig neue Wählergruppen zu erschliessen oder eine Wahl zu gewinnen. Langfristig erodiert so aber die eigene Basis und damit auch der Wertekatalog und das Profil der Gruppierung. Und ja, dann gewinnen neue Bewegungen, die zurzeit tendenziell zum Faschismus neigen (siehe Eco, 1995) – aber nicht wegen Fakenews.

Bildquelle: Jan Saenredam – British Museum

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